Stiftung Warentest und Zahnzusatzversicherung Zahnschmerzen beim Lesen?

Die Stiftung Warentest nimmt Versicherungen unter die Lupe ‒ "nicht schon wieder", möchte man ausrufen, angesichts der vielen Desaster, der Kritik und der missratenen Tests in der Vergangenheit rund um das Thema BU oder Risikoleben. Wird also dieses Mal alles besser?
Die Stiftung Warentest nimmt Versicherungen unter die Lupe ‒ "nicht schon wieder", möchte man ausrufen, angesichts der vielen Desaster, der Kritik und der missratenen Tests in der Vergangenheit rund um das Thema BU oder Risikoleben. Nun also sind es Zahnzusatzversicherungen, die im Fokus der Tester stehen. Und um es gleich vorwegzunehmen: Es ist nicht alles schlecht, aber auch Zahn können die Berliner selbsternannten Verbraucherschützer nicht so richtig. Aber der Reihe nach …

Das Testverfahren

Die Finanztester haben die Tarife zur Regelversorgung und die Tarife mit privatärztlichen Rechnungselementen in einem Abwasch getestet. Die Tarife mit einem Fokus auf Regelversorgung sind offensichtlich qualitativ gar nicht bewertet worden ‒ weil das Urteil beim Testschema vermutlich immer "mangelhaft" gewesen wäre? Bei der privatärztlichen Versorgung fließt Zahnersatz zu 80 Prozent in die Note ein, dazu kommt nur noch die Einschätzung für mögliche Leistungsbegrenzungen, also für Zahnstaffeln und dauerhafte Begrenzungen.

1. Erstattungssätze

Entscheidend für den Kunden ist ja, bis zu welcher Höhe eine private Zahnzusatzversicherung die Kosten trägt. Beträgt die Erstattung 30, 50, 70, 80 oder gar 100 Prozent der Kosten, und werden die Leistungen der GKV "on top" gezahlt oder mit der Erstattung verrechnet? Mag sein, dass die Stiftung Warentest das in ihrer Untersuchung berücksichtigt hat, finden lässt sich dazu transparent für den Kunden konkret nichts. Für eine echte Orientierung sollte der Kunde schon erfahren, auf welchen Erstattungssatz er bei den vermeintlichen Test-Siegern setzen darf. Denn ob ich bei Implantatkosten von 3.000 oder 4.000 Euro 70 Prozent erstattet bekomme oder 90 Prozent, schlägt sich in nennenswerten Summen nieder, die natürlich mit anderen Faktoren entscheidungsbildend sind.
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2. Beiträge

Die Tester haben den Beitrag für einen 43-Jährigen berechnet und den Steigerungsbetrag bis 73 Jahre ermittelt ‒ gleichzeitig den Durchschnittsbeitrag von 43 bis 73 Jahren inklusive der Anpassungen. Warum Jüngere keinen Zahnschutz in Anspruch nehmen sollen, bleibt das Geheimnis der Finanztester ‒ aber das nur nebenbei. Aber wie aussagekräftig sind diese Zahlen? Die Bayerische als Top-Tarif im Test kostet im gemittelten Schnitt 58 Euro ‒ ist der Tarif deswegen so gut? Oder trotzdem? Und wie steht er im Vergleich zu ähnlich guten Tarifen? Und wie sieht es bei einem 30-Jährigen aus? Und warum ist der Dent 100 der Hallesche um einiges schlechter bewertet, obwohl er im Schnitt monatlich 20 Euro weniger kostet? Die ermittelten und gelisteten Beiträge sind wahllos herausgegriffen, und es fehlt an einer Einschätzung, ob ein Tarif in der Gesamtbetrachtung mit dem ermittelten Beitrag günstig oder teuer ist ‒ hier wäre natürlich auch eine Verknüpfung mit den Erstattungssatz hilfreich gewesen (siehe 1.!)

3. Leistungsspektrum

Es gibt im Rahmen der Zahnzusatzversicherung jede Menge Leistungsmerkmale, die über die Versorgung mit Zahnersatz hinausgehen ‒ die privatärztliche Zahnbehandlung bei einer Wurzelbehandlung zum Beispiel, zahlreiche Behandlungsmöglichkeiten, die Schmerzpatienten helfen können und nicht zuletzt natürlich Leistungen für die Prophylaxe. Dazu kommen Abrechnungsfragestellungen: Sind bestimmte Behandlungsmethoden, wie zum Beispiel die CEREC-Methode beim Herstellen von Zahnersatz, mitversichert, werden Knirschschienen erstattet oder die Kosten für digitale Volumentomographien übernommen? Alle diese (und noch viele weitere) Fragestellungen sind für die Kunden wichtig und abschlussentscheidend, Finanztest aber behandelt sie entweder gar nicht oder bewertet sie nicht ‒ Zitat dazu aus dem Test: "Vieles ist Kassenleistung!" 

Ja, das mag stimmen. Heute. Aber was ist morgen? Da wird die Kassenleistung vielleicht gestrichen! Oder eine freiwillige Leistung der Kasse wird einfach zurückgenommen! Tatsache ist doch: Die technologische Entwicklung der Zahnärzte ist deutlich agiler als die Kostenübernahme der Kassen ‒ und viele Leistungen mögen zwar Kassenleistung sein, der Patient aber wird privatärztlich abgerechnet, wenn er neuere (bessere, weniger schmerzhafte) Behandlungsmethoden in Anspruch nehmen will. Natürlich ist die Recherche aufwendiger, wenn man wirklich mal in die Tarifwelten einsteigt und schaut, was und wofür der Versicherer tatsächlich leistet ‒ aber kann man nicht erwarten, dass ein mit Steuermitteln finanziertes und kostenpflichtige Inhalte verkaufendes Institut sich diese Mühe einmal macht?

4. Getestete Bereiche

Die Stiftung Warentest legt einen Fokus auf die Kostenübernahme für Zahnersatz ‒ schön, kann man so machen. Die definierten Kriterien für den Test lassen sich nachlesen, so wird bei Implantaten auch die Anzahl der erstattbaren Implantate berücksichtigt. Nur: Warum erfährt der Leser denn nichts von konkreten möglichen Einschränkungen? Warum erfährt der Kunde nicht, welche Versicherer bei Implantaten oder auch bei Verblendungen zum Teil deutliche Einschränkungen machen? Denn schön für Finanztest, wenn solche Kriterien notenbildend sind ‒ aber es wäre besser, wenn der Fokus nicht auf einer siegel- und verkaufsfähigen Notengebung läge, sondern auf der Information der Verbraucher, für die Leistungseinschränkungen wichtig sind.

5. Fehlende Zähne

Aus der Praxis wissen wir, dass gerade in der fokussierten Zielgruppe der Ü40 fehlende Zähne ein wichtiges Thema sind ‒ ebenso wie Vorerkrankungen am Parodontium, bei vorhandenen Knirschschienen, bei älterem Zahnersatz, bei versorgten Zähnen oder gar vorhandenen Prothesen. Erläuterungen dazu von Finanztest? Außer ein paar Allgemeinplätzen (Zitat: "Es ist wichtig, sich nicht auf ungefähre Erinnerungen zu verlassen, sondern beim Zahnarzt die richtigen Daten zu erfragen") findet sich dazu nichts. Dabei haben vor allem fehlende Zähne, aber auch bereits versorgte Zähne immensen Einfluss auf die Wahl des richtigen Tarifs: Die Bayerische zum Beispiel als Top-Tarif versichert ab vier fehlenden Zähnen gar nicht mehr, ebenso übrigens bei einer Parodontose in den letzten drei Jahren. Und bei drei fehlenden Zähnen wird die Leistung in den ersten vier Jahren auf 1.200 Euro insgesamt begrenzt ‒ bei einem fälligen Beitrag in diesen vier Jahren von monatlich 41 Euro, also fast 2.000 Euro, ist das ein weniger attraktives Modell für den Finanztest-Musterkunden. Und die DFV auf Platz 2 schließt fehlende Zähne ebenso wie erkrankte oder beschädigte Zähne rundweg vom Versicherungsschutz aus. Natürlich sind das spezielle Fragestellungen aus der Beratung, aber wenn man seine Zielgruppe mit der Ü40 so definiert wie Finanztest, dann sollte man auch die häufigen Fragestellungen (und Antworten) kennen und sich mit der Risikoprüfung und den Gesundheitsfragen auseinandersetzen.

6. Zahnstaffel

Völlig im Test fehlt der Aspekt der Zahnstaffel ‒ zwar soll die "jährliche Obergrenze" Bestandteil des Tests sein, aber Informationen zu der Höhe einer möglichen Einschränkung finden sich nicht. Und die Grenzen unterscheiden sich ja zum Teil doch sehr deutlich ‒ auch bei den sehr gut bewerteten Top-Tarifen: Die Bestplatzierten erstatten 5.000 Euro in den ersten vier Jahren ‒ die R+V-Kunden erstattet aber immerhin 10.000 Euro und die UKV 8.100 Euro (90 Prozent von 9.000 Euro) ‒ Letztere wird mit der Detailnote 0,6 dennoch schlechter bewertet als die anderen drei Versicherer … Nun kann man darüber streiten, ob nicht 5.000 Euro ausreichend sind ‒ nur ist die Höhe der Zahnstaffel natürlich auch beitragsbildend und deshalb ein wichtiger Punkt, der nicht irgendwo mit eingearbeitet werden sollte.

7. Professionelle Zahnreinigung

Die professionelle Zahnreinigung (und mit ihr ggf. weitere Prophylaxe-Maßnahmen) ist ein besonderer Bestandteil der Zahnzusatzversicherung: Die Kostenerstattung wirkt sich sehr unmittelbar auf die Entscheidung für oder gegen einen Tarif aus. Denn es sind keine Schadensleistungen, die in Anspruch genommen werden, sondern kalkulatorische Leistungen. Will heißen: Wenn mir meine Zahnzusatzversicherung 120 Euro im Jahr als Kostenübernahme bei 100 Prozent Leistungszusage garantiert, dann wird mein Tarif faktisch um zehn Euro günstiger, wenn ich meinen Leistungsanspruch ausschöpfe. Und bei 240 sind es eben schon 20 Euro. Und das soll nicht entscheidend sein bei der Wahl der "richtigen" Zahnzusatzversicherung?

Fazit

Es ist nicht alles schlecht, was Finanztest so testet ‒ das muss der Fairness halber gesagt werden. Aber echte Informationen, handfeste Tipps, die mir als Kunden helfen, wirklich den besten Schutz zu bekommen, die findet man im Test nicht. Es fehlt an Details, die einen solchen Test wirklich wertvoll werden lassen ‒ und ich unterstelle hier einfach einmal, dass der Aufwand gescheut wird, wirklich in eine sinnvolle Tiefe vorzudringen. Am Ende lässt sich das Test-Ergebnis auf eine recht einfache Formel bringen: Die teureren Tarife sind die deutlich besseren! Denn die zwölf besten Tarife kosten im Schnitt für einen 46-Jährigen rund 30 Prozent mehr als die schlechtesten zwölf im Test. Zufall? Wohl eher das zufällige Ergebnis eines eher mäßig differenzierten Testmusters, das leider intransparent bleibt. Oder anders formuliert: Der Test bereitet eher Zahnschmerzen. Den Versicherern wirds egal sein ‒ sie kaufen die Siegel für gutes Geld und werben mit Test-Ergebnissen, die zumindest fragwürdig sind. Da fragt man sich natürlich schon, was eher zu regulieren ist: Der Makler-Markt oder der Markt der Test-Siegel?

24.04.2018

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Modell-Foto: colourbox.com