Gastbeitrag von Dr. Annabel Oelmann Zu alt für einen Immobilienkredit?

Ältere Menschen haben offensichtlich vermehrt Schwierigkeiten, einen Immobilienkredit aufzunehmen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Umfrage, die die Deutsche Seniorenliga und die Verbraucherzentrale Bremen durchgeführt haben.
Ein Gastbeitrag von Dr. Annabel Oelmann, Vorstand der Verbraucherzentrale Bremen  

Die gelernte Bankkauffrau ist seit April 2016 Vorstand bei der Verbraucherzentrale Bremen. Davor leitete sie sieben Jahre lang die Gruppe Finanzen und Versicherungen und später den Bereich Verbraucherfinanzen der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Sie wurde an der Universität Osnabrück im Bereich Sozialwissenschaften promoviert und hat einen Abschluss als Diplom-Wirtschaftsjuristin von der Fachhochschule Osnabrück. Zu den Schwerpunkten Ihrer Arbeit gehören die Qualität der Anlageberatung in Deutschland und die Erhöhung der Transparenz von Produktinformationen. Sie ist als Expertin bei den Medien gefragt. Mehr Informationen finden Sie unter: www.annabeloelmann.de.
Im Rahmen der bundesweiten Befragung unter Mitgliedern der Deutschen Seniorenliga wurden 305 Personen befragt. Von den Befragten waren 71 seit Inkrafttreten der sogenannten Wohnimmobilienkreditrichtlinie bei ihrer Bank, weil sie ein Eigenheim erwerben, eine Anschlussfinanzierung benötigen oder eine Renovierung oder einen Umbau finanzieren wollten. Das Ergebnis: Banken und Sparkassen berufen sich häufig auf die Vorgaben dieser Richtlinie, wenn sie Immobilienfinanzierungen älterer Verbraucher ablehnen. Fast jeder Dritte (30 Prozent) hatte Schwierigkeiten, ein Angebot zu bekommen. Mehr als die Hälfte (52 Prozent) der Betroffenen gab an, dass Kreditinstitute den Finanzierungsantrag mit Verweis auf neue gesetzliche Vorgaben abgelehnt hätten. Am häufigsten scheiterten die Verbraucher bei Genossenschaftsbanken (48 Prozent) und bei Sparkassen (33 Prozent).  

Neues Gesetz soll vor Überschuldung schützen

Seit März 2016 gelten in Deutschland neue Bestimmungen zur Vergabe von Immobilienkrediten: Die europäische Wohnimmobilienkreditrichtlinie schreibt Anbietern nun vor, Verbraucher umfassender zu beraten und genauer zu prüfen, ob sie die Kreditlast langfristig tragen können. Dadurch sollen Verbraucher davor geschützt werden, ein Immobiliendarlehen aufzunehmen, das sie nicht zurückzahlen können.

Seit der Umsetzung berichten Medien immer wieder darüber, dass insbesondere ältere Menschen, junge Familien und Selbstständige Schwierigkeiten haben sollen, Geld zu erhalten, um den Kredit für ein Haus oder eine Eigentumswohnung weiter abzuzahlen, diese zu modernisieren oder seniorengerecht umzubauen. Und einige Kreditinstitute behaupten, dass sie aufgrund eines neuen Gesetzes viele Anträge ablehnen müssten. Tatsächlich gab es bislang jedoch keine konkreten Zahlen darüber, wie sich die Kreditvergabe an Verbraucher entwickelt hat. Die Ergebnisse dieser Umfrage von der Deutschen Seniorenliga und der Verbraucherzentrale Bremen werfen nun einen konkreten Blick speziell auf die Situation von Senioren.

Alter als häufigster Ablehnungsgrund

Neben dem Argument der Wohnimmobilienkreditrichtlinie lehnten die Kreditinstitute in 71 Prozent der Fälle die Finanzierungsanfragen auch mit Verweis auf das Alter ab. 81 Prozent der Betroffenen sind älter als 60 Jahre. Ein Mindest- oder Höchstalter für Kreditnehmer sind aber weder in der Richtlinie noch im Gesetz verankert: "Auf die statistische Lebenserwartung von Darlehensnehmern kommt es nach der gesetzlichen Regelung nicht an", antwortete die Bundesregierung noch im November auf die Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zur Umsetzung der Wohnimmobilienkreditrichtlinie. 

Marktwächter sammelt Verbraucherfälle

Ende März hat der Bundestag das Finanzaufsichtsrechtergänzungsgesetz beschlossen, das Nachbesserungen zum Wohnimmobilienkreditrecht vorsieht. Eine noch folgende Rechtsverordnung soll zusätzlich konkrete Leitlinien für Anbieter von Immobiliendarlehen zur Kreditwürdigkeitsprüfung festlegen.
Als Marktwächter Finanzen mit dem Schwerpunkt Immobilienfinanzierung hat die Verbraucherzentrale Bremen einen Verbraucher-Aufruf gestartet: Sie will prüfen, inwiefern Anbieter ihre Vergabepraxis bei Immobiliendarlehen seit Inkrafttreten des neuen Gesetzes geändert haben. Die Wohnimmobilienkreditrichtlinie soll schließlich eine verantwortliche Kreditvergabe durch die Anbieter sicherstellen, nicht aber Verbrauchern den Weg ins Eigenheim verbauen oder diese anderweitig benachteiligen. 

Sollte Ihre Bank Ihnen einen Immobilienkredit mit Verweis auf die Wohnimmobilienkreditrichtlinie oder Ihr Alter verweigern, lassen Sie sich nicht beeindrucken, und bleiben Sie hartnäckig. Geben Sie dem Berater zu verstehen, dass Sie sich über das Thema informiert haben – und dass alles gar nicht so eng ausgelegt werden kann. Falls die Bank darauf nicht eingeht, lassen Sie sich die Ablehnungsgründe schriftlich geben, und melden Sie Ihre Erfahrungen dem Marktwächter Finanzen. Für eine persönliche Beratung können Sie sich an eine unabhängige Beratung wenden, zum Beispiel an eine Verbraucherzentrale in Ihrer Nähe. 

Schildern Sie dem Marktwächter Ihren Fall!

Hat die Bank Ihnen ein Immobiliendarlehen, eine Anschlussfinanzierung oder den Wechsel zu einem anderen Kreditinstitut mit Hinweis auf die Wohnimmobilienkreditrichtlinie oder Ihr Alter verweigert? Oder hatten Sie keine Probleme? Teilen Sie uns Ihre Erfahrungen mit! Das Formular finden Sie unter marktwaechter.de/finanzen

Wer sind die Marktwächter?

Mit dem Projekt Marktwächter beobachten und analysieren die Verbraucherzentralen den Finanzmarkt und den digitalen Markt aus Sicht der Verbraucher. Sie bauen ein Frühwarnsystem auf, beobachten das Marktgeschehen und untersuchen es nach Standards der empirischen Sozialforschung. Mit ihren Ergebnissen unterstützen die Marktwächter auch Aufsichts- und Regulierungsbehörden bei ihrer Arbeit.

Das Projekt wird vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) koordiniert und gemeinsam mit insgesamt zehn Schwerpunktverbraucherzentralen umgesetzt. Der Marktwächter Finanzen setzt sich aus den Verbraucherzentralen Baden-Württemberg (Geldanlage/Altersvorsorge), Bremen (Immobilienfinanzierung), Hamburg (Versicherungen), Hessen (Grauer Kapitalmarkt) und Sachsen (Bankdienstleistungen und Konsumentenkredite) zusammen. Zum Marktwächter Digitale Welt gehören die Verbraucherzentralen Bayern (Digitale Dienstleistungen), Brandenburg (Digitaler Wareneinkauf), Nordrhein-Westfalen (Nutzergenerierte Inhalte), Rheinland-Pfalz (Digitale Güter) und Schleswig-Holstein (Telekommunikation).
Die Marktwächter werden gefördert vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV). 

Schritt für Schritt zur passenden Immobilienfinanzierung

  • Prüfen Sie zunächst, was Sie sich leisten können. Dafür sollten Sie berechnen, wie viel Geld Ihnen im Monat frei zur Verfügung steht. Stellen Sie dafür Ihrem regelmäßigen monatlichen Nettoeinkommen Ihre Ausgaben gegenüber, am besten mit einem aktuellen Haushaltsbuch. Sie können auch die Kontoauszüge des letzten Jahres durchsehen. Nicht vergessen: Lebenshaltungskosten, Versicherungen, Urlaube und Rücklagen für Waschmaschine, Computer, Auto und andere Gebrauchsgegenstände, die kaputtgehen können.
  • Wenn Sie vor dem Renteneintritt mit der Finanzierung beginnen: Bedenken Sie, dass Sie im Ruhestand weniger Einnahmen haben.
  • Fragen Sie sich, ob das Haus oder die Eigentumswohnung am Ende komplett schuldenfrei sein muss.
  • Versuchen Sie eine Modernisierung noch vor dem Renteneintritt zu realisieren. Damit umgehen Sie das Risiko, im Ruhestand möglicherweise kein Darlehen mehr für ein neues Dach oder eine neue Heizungsanlage zu erhalten.
  • Wählen Sie die für Sie passende Baufinanzierung: Holen Sie Angebote von mehreren Kreditinstituten ein, und vergleichen Sie die Angaben. Welche ist für Sie persönlich am besten geeignet? Nicht immer ist die zinsgünstigste Baufinanzierung auch die optimale! Sondertilgungen, lange Laufzeiten und Zinsbindung können das Darlehen verteuern, passen aber unter Umständen besser zu Ihren Lebensumständen. Und: In der Regel ist es sinnvoll, sofort zu tilgen und nicht erst Kapital in einem Bausparvertrag anzusparen.
  • Weil der Markt sehr unübersichtlich ist, lohnt sich die Beratung durch unabhängige Experten – zum Beispiel bei den Verbraucherzentralen.

05.05.2017

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Modell-Foto: colourbox.com