Freitag, 18.05.2012 18:30 Uhr
Im Fokus:

Tauschringe und Komplementärwährungen

Bezahlen Sie mal ohne Geld

Die Idee ist so simpel wie sie gut ist: In einigen Regionen können Bewohner mit einer eigenen Währung zahlen, die neben dem Euro gültig ist. So wandern statt Euro und Cent Chiemgauer, Kann Was, Berliner oder bald die Hansemark über den Tresen. Aber was steckt hinter diese neuen Währungen?
Warum Tauschringe und Komplementärwährungen sinnvoll sind Bezahlen Sie mal ohne Geld
2 Anliegen haben diese Komplementärwährungen: Zum einen soll die Wirtschaft vor der eigenen Tür gestärkt werden, denn wenn Geld nur regional begrenzt ist, kann es nur den Unternehmen "um die Ecke" zugute kommen. Akzeptiert werden die alternativen Zahlungsmittel von den Handwerkern, Händlern und Dienstleistern der Region, die damit Kunden aus der näheren Umgebung binden wollen. Und die Kunden wiederum wollen die regionale Wirtschaft beleben, indem sie die neuen Währungen einsetzen, denn das Geld verlässt nie den kleinen Kreislauf.

Nicht sparen – ausgeben!

Zum anderen sollen Komplementärwährungen vor allem aber dazu anregen, Geld auszugeben, statt es auf der Bank zu horten. Deshalb sind z. B. einige der Währungen mit einem Verfallsdatum versehen, verlieren nach und nach ihren Wert und werden auch nicht verzinst. Jeder Besitzer des neuen Kleingeldes soll es so schnell wie möglich ausgeben. Horten, sparen und anlegen soll sinnlos sein, ausgeben lautet das Motto dieser Komplementärwährungen. Der Hintergrund: Durch den Zwang zum Ausgeben müssen Einkäufe und Anschaffungen nicht mehr zurückgestellt werden. Damit steigen die Umsätze der Unternehmen und auf diesem Weg kann einer wirtschaftlichen Flaute wie der derzeitigen am besten begegnet werden. Und so durchbricht das System im Idealfall zumindest regional den Kreislauf aus Konsumverzicht, Arbeitslosigkeit, Steuerausfällen und der folgenden Krise der Sozialsysteme.

Ein System mit Erfolg

Spinnert sind solche Ideen dabei keinesfalls: Dass solche regionalen Währungen sich auf Dauer etablieren können, zeigt das so genannte Bethel-Geld, das bereits 1908 ins Leben gerufen wurde. Die Währung aus dem Bielefelder Stadtteil Bethel, in dem Behinderte und Gesunde gemeinsam leben, gibt es bei der örtlichen Sparkassen. Wenn Sie 100 € umtauschen wollen, bekommen Sie 105 € zurück. Und mit denen können Sie dann beim Bäcker, in der Buchhandlung oder im Blumenladen einkaufen – praktisch mit 5 % Rabatt. Dieser Umsatz sichert zum einen Ihnen als Kunden einen günstigeren Einkauf und den Geschäften Umsatz, der nicht abwandern kann. Und das bedeutet für alle Betheler Arbeit: In vielen Geschäften arbeiten Behinderte, und viele der Angebote produzieren sie selbst.

Mit gutem Beispiel voran! Diese Regionen haben bereits eine funktionierende Komplementärwährung – lassen Sie sich von den Ideen inspirieren!

Vorbild Österreich

Erfolgreich war auch das "Experiment von Wörgl". In der österreichischen Gemeinde waren 1932 mehr als 10 % der Einwohner arbeitslos. Die Gemeinde war hoch verschuldet, und das Geld fehlte an allen Ecken und Kanten. Da beschloss der Bürgermeister ein "Nothilfe-Programm". Die Gemeinde gab ein eigenes Geld, die so genannten "Arbeitswertbestätigungsscheine" heraus, die auf die offizielle Währung Schilling lauteten. Mit diesem eigenen Geld konnte die Gemeinde Arbeitskräfte einstellen und öffentliche Vorhaben realisieren. Unter anderem wurden eine Brücke gebaut, ein Stadtteil kanalisiert, und das Rathaus konnte renoviert werden. Die Arbeitskräfte wurden mit dem Wörgler Scheinen bezahlt und konnten damit in den Geschäften Lebensmittel, Kleidung und andere Dinge des täglichen Lebens einkaufen. Die Geschäftsleute wiederum konnten ihre Steuern damit an die Gemeinde entrichten, und so wurde der Geldkreislauf geschlossen.

Die Scheine wurden mit einem Coupon versehen, so dass sie Monat für Monat 1 % ihres Wertes verloren. Dadurch wurde sichergestellt, dass niemand das Geld hortete oder damit spekulierte. Die Gebühr wiederum kam Armenfonds zugute und erfüllte somit einen weiteren sozialen Zweck. Das Wörgler Experiment wurde ein Riesenerfolg und trotzdem nach einem Jahr aus machtpolitischen Gründen verboten, nachdem auch andere Gemeinden es kopieren wollten und die Zentralbank ihre Stellung gefährdet sah.

Bezahlen Sie in Talenten

Auf dieselbe Idee zielen auch Tauschringe ab, in denen die Mitglieder sich gegenseitig mit ihren Fähigkeiten helfen. Mit diesen Tauschringen wird aber nicht nur das Horten von Geld unmöglich gemacht, sondern sie ermöglichen auch die gegenseitige Hilfestellung im täglichen Leben. Denn während der eine im Tauschring Hilfe bei der Autoreparatur anbietet, hilft der andere beim Bügeln oder Tapezieren. Jeder bezahlt die Leistung der anderen mit seinen eigenen Talenten und gibt etwas dafür, dass er eine andere Leistung in Anspruch nehmen darf.

Aufbau eines "Hilfe-Netzwerks"

Neben dem praktischen Nutzen, dem "Sich-helfen", erfüllen die Tauschringe aber auch noch eine andere Funktion. Sie dienen nämlich in vielen Bereichen als soziale Netze. Denn man weiß, dass man immer auf die Hilfe von Gleichgesinnten zurückgreifen kann, die in einer Notlage helfen können. In unserer heutigen Gesellschaft ist diese "gegenseitige Hilfe" kaum noch vertreten. Viele der Tauschring-Organisatoren sehen in den Tauschringen deshalb auch die Möglichkeit, bei den Teilnehmern Selbsthilfepotenziale zu wecken, die auch öffentliche Einrichtungen wie die Verwaltung und Behörden entlasten: Denn wem im Tauschring-Netz geholfen wird, der ist nicht mehr auf staatliche Hilfe angewiesen.

Wie sieht das praktisch aus?

Alle Tauschringe funktionieren nach einem ähnlichen Muster, das von einer "Gib-und-Nimm-Idee" getragen wird. Sie melden sich als Mitglied an, lassen sich registrieren – und los geht's: Jeder bringt seine Fähigkeiten ein, hilft anderen und erhält dafür eine Gutschrift auf dem Tauschring-Konto. Das Guthaben kann er dann selbst aufbrauchen, indem er sich von anderen helfen lässt. In der Tauschring-Praxis sieht das dann so aus: Sie helfen einem Mitglied 2 Stunden beim Reifenwechsel und dafür können Sie 2 Stunden Hilfe im Garten in Anspruch nehmen. Häufig wird die Zeit aber nicht 1:1 abgerechnet. In fast allen Tauschringen wird vielmehr genau festgelegt, welchen Wert welche Leistung genau hat. Denn natürlich werden 2 Stunden harte körperliche Arbeit höher "vergütet" als 2 Stunden Staubwischen.

Ist das Schwarzarbeit?

Diese Frage taucht in Tauschringen immer wieder auf. Denn versteuert werden müssen nicht nur verdientes Geld, sondern auch geldwerte Leistungen. Eine Steuerpflicht liegt wohl auf jeden Fall vor, wenn Sie professionell Ihre Dienste im Rahmen des Tauschringes anbieten. Wenn Sie allerdings nur gelegentlich im Rahmen der "Nachbarschaftshilfe" Unterstützung leisten, dürfte es mit dem Finanzamt kaum Probleme geben.

Werden Sie aktiv!

Vorbilder und Beispiele gibt es also genug – es ist an jedem von uns, das System für seine Region selbst anzuschieben oder umzusetzen. Rechtliche Probleme gab es bisher nicht, weil die Alternativwährungen rechtlich keine Währung sind (dann dürften Sie sie nicht in Umlauf bringen), sondern Gutscheine, und die sind erlaubt. Gründen Sie Ihre eigene Initiative und bringen Sie das Thema auf den Tisch: In Handwerks- und Handelsverbänden genauso wie in Gemeinderatssitzungen. Und kämpfen Sie für die Idee, wenn Sie von ihr überzeugt sind: Sie werden einen langen Atem brauchen und viele gute Argumente. Ideen, Hilfe, gute Beispiele, Anregungen und jede Menge Tipps bekommen Sie im Internet-Forum auf dem Portal www.regiogeld.de.
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22.02.2012
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